The Knife That Never Leaves

Es gibt erstaunlich viele Menschen, die ein Victorinox besitzen, ohne genau sagen zu können, seit wann eigentlich.

Irgendwann war es einfach da.

In einer Jackentasche.
Im Handschuhfach.
Im Keller, den man längst entrümpeln wollte und in dem man eigentlich etwas ganz anderes gesucht hat.

Und dann blieb es einfach.

Vielleicht weil es nie besonders viel Aufmerksamkeit von seinem Besitzer verlangt hat.

Menschen verlieren Schlüssel, Portemonnaies - ganze Koffer.
Das Victorinox bleibt.

Nicht aus Sentimentalität.
Sondern weil es funktioniert.

Es öffnet Pakete.
Zieht Korken.
Kürzt Fäden.
Entfernt Büroklammern aus Druckern.
Und löst kleine Probleme, die fünf Sekunden zuvor noch keine waren.

Karl Elsener entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts ursprünglich Messer für die Schweizer Armee.
Nicht als Lifestyle-Produkt. Nicht als Designobjekt. Sondern als Werkzeug.

Der Korkenzieher wurde übrigens erst später ergänzt — wahrscheinlich, weil Schweizer Offiziere nicht ausschließlich Wasser trinken wollten.

Die Schweizer Offiziere hatten Probleme mit Flaschenöffnungen, amerikanische Soldaten eher mit der Aussprache.
So konnten sie der Überlieferung nach „Schweizer Offiziersmesser“ nicht besonders gut aussprechen. Deshalb wurde daraus irgendwann einfach: „Swiss Army Knife“.

Danach wurde es etwas unübersichtlich.

Heute liegt das Victorinox im Museum of Modern Art in New York und befindet sich gleichzeitig in erstaunlich vielen Küchenschubladen mit alten Batterien, Gummibändern und Bedienungsanleitungen längst verschwundener Geräte.

Nur wenige Objekte schaffen diese Bandbreite gesellschaftlicher Integration.

Dieses Messer hat irgendwie über hundert Jahre Weltgeschichte überlebt.

Zwei Weltkriege. NASA-Missionen. PowerPoint.
Und vermutlich mehrere Generationen schlecht organisierter Küchenschubladen.

Meine Großmutter übrigens auch.
Sie kam allerdings nicht aus der Schweiz, sondern aus Schlesien und anders als das Victorinox war sie auch nicht an diversen NASA-Missionen beteiligt. Zumindest gibt es darüber keine offiziellen Berichte. 

Das Victorinox versucht nicht interessant zu wirken. Es inszeniert kein Lebensgefühl.
Es möchte keine Persönlichkeit ersetzen oder sich in den Vordergrund drängen.

Es ist etwas, das Menschen jahrzehntelang bei sich tragen, ohne jemals eine genaue Beziehung dazu formulieren zu müssen. Es ist einfach da.

Wenn ich so darüber nachdenke, hatten das Victorinox und meine Großmutter einiges gemeinsam.